Sätze, die bei Liebeskummer nicht helfen

Es gibt diese Menschen. Sie meinen es gut. Wirklich. Sie wollen, dass es dir besser geht. Sie wollen dich aus deinem Schmerz holen. Sie sehen, wie du leidest und geben dann Ratschläge wie:

  • Blockiere ihn doch einfach.
  • Lenk‘ dich ab.
  • Schreib‘ ihm bloß nicht.
  • Andere Mütter haben auch schöne Söhne.
  • Sei doch mal vernünftig.
  • Gib doch einfach die Hoffnung auf.

Und während sie das sagen, denkst du vermutlich:

„Ja klar. Warum bin ich DA nicht selbst draufgekommen?“

Wenn Liebeskummer so einfach funktionieren würde, gäbe es vermutlich weder Taschentücher noch Herzschmerz-Lieder. Oder mich.

Das Problem ist nicht, dass diese Sätze grundsätzlich falsch wären. Sie kommen nur ungefähr drei Nervensysteme zu spät.

Sie wollen dir erklären, wie Loslassen geht

Für einen Außenstehenden ist es offensichtlich:

Du müsstest nur loslassen und dann würde es dir gleich besser gehen. All die guten Ratschläge sind wahrscheinlich sogar richtig. Zumindest nicht ganz falsch. Sie wirken nur nicht bzw. adressieren die falsche Baustelle. Eines haben nämlich alle gemeinsam:

Sie zielen auf den Kopf. Der Kopf ist aber gar nicht das Problem. Im Gegenteil, meistens befeuern die gut gemeinten Ratschläge das Festhalten sogar. Denn derjenige, der sie abbekommt, glaubt dann auch noch zusätzlich, sie widerlegen zu müssen. Der Ratgeber erklärt, wie einfach alles ist und der Geghostete oder Verlassene hört „na, genau, sage mir doch gleich, dass ich zu doof bin.“ Das zahlt dann doppelt auf das eh schon geschwächte Selbstbewusstsein ein.

Dazu kommt noch, dass der Geghostete oder Verlassene denkt:

Ich will doch gar nicht loslassen. Ich will, dass er sich meldet. Dass es nicht vorbei ist. Er soll mir irgendwas erklären.

Außerdem kann ich doch gar nicht loslassen. Ich habe es echt probiert. Aber glaube mir, das funktioniert bei mir nicht. Bei dir vielleicht. Aber doch nicht bei mir. Ich bin da anders.  Und wenn er mich nur ghostet, warte ich halt auf seine Entscheidung.

Gehen wir die Ratschläge mal im Einzelnen durch und betrachten sie aus der Perspektive des Geghosteten oder Verlassenen.

Sei doch mal vernünftig

Ich will aber gar nicht vernünftig sein. Ich bewege mich ununterbrochen zwischen Herzschmerz und Kopfkino und klammere mich an meine Hoffnung. Wo soll denn da bitte Platz für Vernunft sein? Außerdem – vernünftig war ich schon mal, war doof.

Was nützt es mir denn, vernünftig zu sein? Davon kommt er auch nicht zurück. Außerdem ist vernünftig nicht zwingend richtig.

Kuck dir doch mal all die scheinbar Vernünftigen an. Die, die alles richtig machen. Die meisten von denen sind total unglücklich.

Also, erzähle mir nicht, ich soll meinen Kopf einschalten und vernünftig sein. Glaub‘ mir, mein Kopf ist Tag und Nacht an und dreht sich nur noch um ihn. Und Gedankenkarussells stoppt man nicht mit Vernunft. Und schon gar nicht mit mehr Denken.

Mein Kopf sagt schon immer mal „lass es einfach gut sein.“ Aber da kommen sofort die anderen Stimmen und die brüllen förmlich „Bist du wahnsinnig? Wenn du jetzt aufgibst, sterben wir.“

Blockier' ihn doch einfach

Ja, genau. Damit ich auch wirklich jede Chance verpasse, dass er sich doch noch meldet. Falls genau heute der Tag ist, an dem ihm endlich klar wird, dass ich die Liebe seines Lebens bin.

Kommt überhaupt nicht infrage. Stell dir doch mal vor, er merkt morgen, wie sehr er mich vermisst und kann mir nicht schreiben? Auf gar keinen Fall möchte ich das riskieren.

Ach, dann gäbe es andere Möglichkeiten? Ja, natürlich, bestimmt schickt er ne Brieftaube los. Und hält mich dann überhaupt nicht für anstrengend. Weißt du, was ich damit alles auf’s Spiel setze? Niemals würde ich das riskieren.

Ach, du meinst ich leide beim Warten? Ja, kann sein.

Ok, tue ich wirklich.

Aber das halte ich schon irgendwie aus. Außerdem bin’s doch gewöhnt. Aber wenn ich seinen Kontaktversuch verpasse, weil ich ihn blockiert habe – das würde ich mir nie verzeihen.

Wenn er dich wirklich lieben würde, würde er sich melden

Ach stimmt. Dann liebt er mich also nicht. Danke. Jetzt geht’s mir direkt besser.

Vielleicht meldet er sich ja gerade deshalb nicht, weil er überfordert ist. Oder weil er Angst hat. Oder weil…

Das hat jetzt richtig geholfen.

Und jetzt erkläre mir bitte noch, warum er letzte Woche drei Stunden mit mir telefoniert hat.
Warum er gesagt hat, dass er mich vermisst.
Warum er immer wieder zurückkommt.
Warum er…

Siehst du?
Genau deshalb hilft mir dieser Satz nicht.
Weil mein Gehirn sofort wieder anfängt, Ausnahmen zu suchen und du damit mein Gedankenkarussell anfeuerst.

Lenk' dich doch einfach ab

Na klar. Ich gehe jetzt einfach mit Freunden essen. Dann denke ich bestimmt überhaupt nicht mehr daran, warum er seit sechs Stunden nicht geantwortet hat. Und ich checke auch höchsten 37x mal rein zufällig die Uhrzeit auf meinem Handy.

Ablenkung funktioniert.

Für ungefähr zwölf Minuten. Danach sitzt mein Nervensystem wieder mit am Tisch. Und das flüstert ständig „Bist du dir ganz sicher, dass er sich nicht gemeldet hat? Schau lieber nochmal…“

Außerdem will ich doch gar keinen Spaß ohne ihn haben. Stell dir mal vor, ich gewöhne mich noch dran? Und dann? Wenn er dann zurückkommt, muss ich mich immer entscheiden. Das ist mir jetzt schon zu anstrengend.

Zudem macht mir sowieso nichts richtig Spaß, nicht mal das, was ich früher einigermaßen gern hatte. Irgendwie erscheint mir das so sinnlos. Wie Kindergarten. Ich will, dass er zurückkommt und der Schmerz aufhört. Das würde mir völlig reichen.

Schreib' ihm bloß nicht

Stimmt. Gut, Deal. Ich halte mich dran.

Ich starre stattdessen einfach zwei Stunden auf WhatsApp und überlege, ob er vielleicht gerade online war. Und ich formuliere 700 Nachrichten im Kopf. Ja, gut, erwischt, manche schreibe ich auch schon mal in meine Notizenapp. Vielleicht brauche ich sie ja mal. Aber ansonsten bin ich total diszipliniert. Ich schreibe ihm nicht. Siehst du, ich bin nämlich doch manchmal echt vernünftig😉

Aber eigentlich will ich nur nicht bedürftig wirken. Ich gebe ihm den Raum, den er wollte. Ich bin nämlich total pflegeleicht. Und schon allein deswegen wird er bestimmt zurückkommen.

Und außerdem, wenn ich ihm schreiben würde, kann er ja gar nicht mehr zuerst schreiben.

Nicht schreiben ist nicht schwer. Nicht darüber nachzudenken schon.

Andere Mütter haben auch schöne Söhne

Bestimmt. Aber ich will gerade keinen anderen. Ich will genau den. Ja, den schwierigen. Ja genau den, der mich gerade ghostet oder verlassen hat. Das ist unlogisch, meinst du? Ja, kann sein. Aber Logik ist eh nicht so meins. Logik ist außerdem so n bisschen wie Vernunft.

Was soll ich denn mit nem anderen? Glaubste wirklich, da wird es besser? Du kennst doch meine Geschichte.

Wenn du den schönsten Aperol gefunden hast, willst du doch auch nicht, dass ich sage „Ach komm, andere Getränke schmecken doch auch.“ Und dass du davon vielleicht Schädelweh kriegst, juckt dich in dem Moment auch nicht. Du willst deinen Aperol und ich meinen xy.

Und unter uns, andere Typen helfen nicht gegen Liebeskummer. Hab ich schon probiert😉

Gib doch einfach die Hoffnung auf

Ja. Natürlich. Sehr gerne. Nichts leichter als das. Schnipse ich einmal mit dem Finger und schon ist sie weg, die Hoffnung. Total easy. Hätte ich echt auch selber drauf kommen können.

Du vergisst nur leider eins:

Hoffnung ist das, was mich gerade am Leben hält. Das, was mich frühs aufstehen lässt, wenn ich wieder die ganze Nacht Nachrichtenverläufe analysiert habe. Das, was mich irgendwie den Tag überstehen lässt. Und auch das, was mich durchhalten lässt, wenn mein Display auch bei 237x schwarz bleibt.

Wenn ich die Hoffnung aufgebe, muss ich akzeptieren, dass vielleicht wirklich nichts mehr kommt. Dass all die Monate umsonst waren. Dass ich mir vielleicht wirklich etwas vorgemacht habe. Glaubst du, das brauche ich jetzt auch noch? Dass ich mir selber eingestehen muss, dass ich einen Fehler gemacht habe? Nee du, da behalte ich lieber die Hoffnung, dass doch noch alles gut wird. Wird es nämlich bestimmt. Also glaube ich zumindest.

Hinter den Kulissen

Die Szenen sind alle aus dem Leben gegriffen und derjenige, der unter Liebeskummer leidet, kennt sie meistens so oder so ähnlich. Die Ratschläge zielen alle auf den Verstand. Aber wie eingangs erwähnt, ist der Verstand gar nicht die richtige Baustelle. Daher sind die Ratschläge sicher gut gemeint, können aber völlig nach hinten losgehen.

Wer geghostet wird oder verlassen wurde, braucht manchmal einfach nur ein bisschen mehr Verständnis anstelle von Druck. Oft reicht Zuhören und Taschentücher bereithalten.

Schauen wir daher nochmal hinter die Kulissen, wo das eigentliche Problem liegt.

Der meiste interne Stress kommt aus dem Nervensystem. Das hat alles gespeichert, was man gelernt und erfahren hat, vergisst nur leider, einen Zeitstempel dran zu setzen. Es weiß dann nicht, ob der Schmerz aus der aktuellen Beziehung kommt oder über 30 Jahre alt ist, als man um die Liebe der Eltern gekämpft hat. Wer früh gelernt hat, dass man sich Liebe verdienen muss, glaubt das auch oft heute noch. Und wer Leistung erbringen musste, um geliebt zu werden, überträgt auch heute noch häufig Leistungsprinzipien auf die Liebe. Denn was im „richtigen Leben“ funktioniert, kann dort nicht falsch sein. Ist es aber leider doch, denn Emotionen lassen sich nicht durch Leistung steuern.

Loslassen fühlt sich wie Sterben an

Gerade weil wir auf der emotionalen Ebene agieren, kann man sich nicht zum Loslassen zwingen. Hoffnung stirbt nicht, wenn man sie überzeugt. Sie verfliegt erst, wenn sie nichts mehr hat, woran sie sich festhalten kann. Im Moment ist sie noch eine Überlebensstrategie. Sie lässt die Tür offen. Die Aussicht auf das „Vielleicht“.

Genau deswegen können sich viele nicht zum Blockieren durchringen. Blockieren bedeutet für das Gehirn Endgültigkeit. Und genau diese Endgültigkeit fühlt sich gerade schlimmer an als der Schmerz selbst. Man hält lieber tägliche Unsicherheit aus als eine einzige endgültige Entscheidung.

Ablenkung funktioniert kaum, denn der Körper lässt sich nämlich nur sehr begrenzt austricksen. Wenn sich Nervensystem und Verstand streiten, gewinnt nahezu immer das Nervensystem. Der Verstand findet für beide Seiten Argumente. Aber das Nervensystem will nur eines:

Sicherheit.

Und die gewinnt es in erster Linie aus dem, was es kennt. Es hält den Angebeteten für die Lösung aller Probleme. Er könnte beweisen, dass man doch liebenswert ist. Er rettet uns vor dem Abgrund des Alleinseins. Er macht uns endlich vollständig.

Es geht nicht darum, ob das richtig oder falsch ist. Es geht nur um die Ableitung, ob es bekannt und damit sicher ist oder eben nicht. Das Nervensystem glaubt, den einzigen Menschen zu verlieren, der den Schmerz wieder beenden könnte. Ob er ihn verursacht hat, spielt dabei keine Rolle.

Genau deshalb fühlt sich Loslassen nicht wie Befreiung an, sondern eher wie Entzug. Oder wie Aufgeben.

Daher will man gar nicht loslassen. Man will, dass er zurückkommt, damit man gar nicht loslassen muss.

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Über die Autorin:

Ich bin Yvonne Schrader und schreibe über Liebeskummer, Loslassen, emotionale Erschöpfung und die Muster, die uns festhalten, obwohl wir längst wissen, dass sie uns nicht guttun.

In meinen Büchern und Kursen geht es nicht darum, dich zu optimieren. Sondern zu verstehen, warum dein Kopf oft längst weiß, was richtig wäre – und dein Nervensystem trotzdem nicht mitzieht.

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