Heute schreibe ich dir mal aus meiner männlichen Perspektive, warum ich mich immer wieder zurückziehe. Wenn ich meine Angst vor Nähe in Worte fassen müsste, könnte sie sich ungefähr so anhören. Ich sage nicht, dass jeder Vermeider so ist, aber es könnte ein innerer Dialog von jemanden sein, dessen Nähe- und Bindungssystem mit Intimität überfordert ist.
Ich weiß, dass ich dir weh tue.
Ich sehe, dass du leidest.
Ich weiß, du bist behutsam, fasst mich mit Samthandschuhen an und nimmst ständig Rücksicht auf mich.
Und genau das macht es für mich noch schwerer, auf dich zuzugehen. Du prallst immer wieder gegen eine unsichtbare Mauer, die ich um mein Herz gezogen habe. Manchmal bröckelt sie. Aber danach ziehe ich sie umso höher und baue sie noch solider.
Ich weiß, dass dir den letzten Nerv raube und dich all deine Kraft koste.
Vom Anfang zum Rückzug
Am Anfang bin ich aufmerksam, erinnere mich an Details, organisiere Treffen, bin einfach präsent. Aber je intensiver es wird, desto mehr ziehe ich mich zurück. Nicht auf einmal, aber Stück für Stück. Eine Erklärung kriegst du nicht, denn dann müsste ich ja in Worte fassen, was ich selbst nicht verstehe.
Ich mache das nicht, um dich zu ärgern. Und schon gar nicht, weil ich dich nicht liebe. Im Gegenteil. Du bist mir zu wichtig, als dass ich es im Moment schon aushalten kann.
Weißt du, was das Verrückte ist? Immer wenn du mir näherkommst, denke ich nicht ‚wie schön‘, sondern ‚hoffentlich schaffe ich das‘.
Liebe ist für mich mit Verlust, Gefahr, Angst und Kontrollverlust verbunden. Ich habe früh gelernt, dass Nähe Schmerz oder Verlust bedeutet. Deine Bedürfnisse fühlen sich daher wie Forderungen an, die ich scheinbar nicht erfüllen kann.
Du glaubst, ich laufe vor dir weg. In Wahrheit laufe ich vor dem Gefühl weg, das du in mir auslöst.
Ich weiche Gesprächen aus, weil ich dir das nicht erklären kann. Und je länger ich zögere und je mehr Druck du ausübst, desto schlimmer wird es. Am Anfang sage ich mir noch „ich antworte später“. Dann verdränge ich es, weil ich nicht weiß, was ich schreiben soll. Dann kommt eine weitere Nachricht von dir. Und noch eine. Und auf einmal habe ich nicht nur keine Antwort auf die ursprüngliche Nachricht, sondern müsste auch noch erklären, warum ich nicht geantwortet habe, und das ist mir dann schnell zu viel.
Wenn wir uns dann wiedersehen, tut es mir ehrlich leid und an den guten Tagen zeige ich mich sogar verletzlich und bin reflektiert. Machst du mir dann Vorwürfe wegen meines widersprüchlichen Verhaltens, werde ich wieder abweisend und bleibe vage. Das ist für mich einfach sicherer als deinen Zorn auszuhalten.
Meine widersprüchlichen Bedürfnisse
Gerade weil mir Nähe und Gefühle so viel Angst machen, brauche ich viel Distanz, Freiraum und Eigenkontrolle, um mich selbst immer wieder zu regulieren.
Der Rückzug gibt mir die Chance, mich wieder zu sammeln und den inneren Panikmodus hinter mir zu lassen.
Das Paradoxe ist, ich sehne mich nach nichts mehr als genau dieser Liebe. Nach dieser Verbundenheit, die mich lebendig fühlen lässt. Aber jetzt, wo ich sie auf einmal vor mir habe, fühle ich mich ausgeliefert auf eine Art und Weise, vor der ich mein ganzes Leben lang wegrenne. Nähe bedeutet für mich Gefahr und ich muss auf einmal Ängsten ins Gesicht blicken, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren. Du reißt alte Wunden in mir auf, die ich bislang großzügig ignoriert habe.
Ganz oft habe ich mich arrangiert, funktioniere im Alltag und lasse nichts und niemanden zu nah an mich ran. Ich habe mir selbst einen Rahmen geschaffen, in dem ich sicher agiere. Nach außen wirke ich oft unnahbar, ggf. auch distanziert, also zumindest so, dass ich nicht so einfach zu durchschauen bin. Frauen sehen ich mich als harte Nuss, die es zu knacken gilt.
Und deswegen suche ich unbewusst immer wieder Frauen, die ängstlich gebunden sind. Solche, die offensichtlich Nähe suchen, ggf. klammern, mehr Bestätigung brauchen als andere und mehr Rückversicherung. Zu ihnen fühle ich mich erstaunlich häufig hingezogen. Tief in mir will ich nämlich genau das – Nähe, Sicherheit, Liebe. Aber an der Oberfläche kann ich damit gar nicht umgehen.
Deine Ängstlichkeit bedeutet Sicherheit für mich, weil ich weiß, dass du nur Augen für mich hast. Wenn du dich an mich klammerst oder mir hinterherläufst, bedeutet das für mich auch Loyalität, zumindest in meiner subjektiven Wahrnehmung.
Trotzdem ist es immer ein schmaler Grat dessen, wie viel ich aushalte. Gibst du mir mehr Liebe als ich in meinen Augen verdient habe, kommt sofort wieder mein Fluchtreflex. Und genau das macht es so schwer für dich.
Woran du erkennst, dass ich emotional drin bin
Du wirst von mir eher keine großen Liebeserklärungen hören. Aber es gibt einige Anzeichen, dass ich viel emotionaler mit dir verbunden bin als du aus meinem Verhalten ableitest. Auch wenn es widersprüchlich erscheint, aber ich
- melde mich immer wieder
- stelle dir Fragen und die Antwort interessiert mich wirklich.
- werde eifersüchtig, wenn du von anderen Männern sprichst.
- brauche viel körperliche Nähe, aber in der Kommunikation bin ich kühl.
- erzähle dir kleine Details oder schicke dir ein Video mit „musste an dich denken“
- merke mir, was du brauchst.
- helfe dir bei praktischen Dingen.
- zeige dir auch meine unperfekte Seite und meine Unarten.
Dazu kommt noch, dass ich in deiner Nähe manchmal unbeholfen bin und in emotionalen Momenten nicht weiß, was ich sagen soll.
Wenn du mich aber darauf festnageln willst, reißt du meine Fassade ein, die ich um jeden Preis behalten will.
Frage mich am besten nicht danach, ob du mir viel bedeutest, sondern gehe einfach davon aus, dass es so ist. Wenn nichts da wäre, bräuchte ich mich ja nicht zurückziehen. Auf Frauen, die mir nichts bedeuten, kann ich mich oft erstaunlich gut einlassen. Zumindest fühlt es sich für mich so an. Aber aus meinen Gefühlen kannst du nicht automatisch schließen, dass ich auch eine Beziehung führen kann. Gefühle und Beziehungsfähigkeit sind zwei völlig verschiedene Dinge. Genau daran scheitern viele Verbindungen.
Aber jedes Mal, wenn ich merke, wie wichtig ich für dich geworden bin, bekomme ich das Gefühl, dass ich das gar nicht tragen kann.
Meine Flucht ist ein Schutz vor Nähe
Du denkst, du hast mir nie etwas bedeutet, dabei ist das genau Gegenteil der Fall. Unsere Verbindung war zu intensiv, zu tief, zu emotional, als dass ich sie halten kann. Je mehr ich fühle, desto mehr gerate ich in Panik.
Meine Flucht ist der pure Schutz für mich. Ich versuche wieder an die Oberfläche zu gehen, damit ich die Distanz kontrollieren kann. Dass ich dadurch einsamer bin, nehme ich in Kauf, das ist für mich immer noch sicherer, als emotional unterzugehen.
Ich rede mir Dinge ein, um mir meinen Rückzug selbst zu erklären. Ja, tatsächlich kann es auch sein, dass ich dich innerlich abwerte, um mir meine Fehler nicht eingestehen zu müssen. Je überforderter ich bin, desto mehr suche ich die Fehler bei dir.
Im Moment des Rückzugs fühle ich Erleichterung, aber das hält nie lange an. Dann kommt die Sehnsucht zurück und ich fühle Schuld und Einsamkeit. Deswegen komme ich wieder zurück. Ich weiß, dass ich dich damit verletze, aber ich verletze mich auch. Dann lenke ich mich ab, mit Arbeit, mit Funktionieren, manchmal sogar mit einer anderen. Ich vergrabe meine Gefühle für dich, nur um mich meinen Ängsten nicht stellen zu müssen.
Für mich selbst ist es eine Achterbahn der Gefühle und ich nehme dich gleich mit. In einem Moment glaubst du, dass ich dein Seelenpartner bin, im nächsten bist du wütend auf mich bis zum Mond. Du denkst bestimmt nicht nur einmal „wie kann man denn nur so sein“. Aber für mich ist es auch ein innerer Krieg, den ich kaum aushalte. Ich will die Liebe zu dir und gleichzeitig ist sie das, was mir die allergrößte Angst macht. Mein Nervensystem ist längst in den Überlebensmodus gerutscht und ich schwanke täglich zwischen Aufgeben und mich zusammenreißen.
Und genau das versuche ich vor dir zu verbergen. Ich will nicht, dass du mich als Schwächling oder Psycho empfindest.
Das würde ich dir nie sagen
Aber weißt du, was ich dir nie sagen würde?
Es ist nicht deine Aufgabe, mich davon zu überzeugen, dass ich keine Angst haben muss.
Im Gegenteil.
Für mich wäre es viel leichter, wenn du dein Leben auch ohne mich tragen könntest.
Nicht weil ich dich weniger lieben würde, sondern weil deine Stabilität meine Angst kleiner macht.
Du musst mich nicht um jeden Preis überzeugen und hast das Recht auf Nähe und Liebe, ohne ständig darum bitten zu müssen.
Du kannst mich nicht überreden, denn vom Kopf her weiß ich längst, dass ich dich will. Meine Angst ist aber lauter als meine Liebe, deswegen kann ich sie dir (noch) nicht zeigen.
Ich will das Beste für mich, das muss nicht zwingend das Beste für dich sein.
Einlassen kann ich mich erst, wenn du Autonomie und Sicherheit verkörperst. Du gibst mir Stabilität, bist aber nie ganz auf mich angewiesen. Sage mir, was du fühlst oder willst, ohne von meiner Reaktion abhängig zu sein. Gib mir das Gefühl, mich ganz zu wollen, aber hänge dein Leben nicht an meine Entscheidung. Halte dich nicht zurück, ich will nicht nur die angepasste Version von dir.
Sei authentisch und emotional transparent. Je weniger ich interpretieren muss, desto überschaubarer werden die Gefahren für mich. Verstelle dich nicht und sei nicht besonders kühl, weil du denkst, du müsstest es mir heimzahlen.
Aber selbst dann gibt es keine Garantie, dass ich mich entscheide. Meine Vermeidung ist ein tief liegendes Muster, das weniger mit dir zu tun hat, als du glaubst. Du neigst dazu, die Fehler bei dir zu suchen und grübelst immer, was du falsch gemacht hast. Du willst unbedingt verstehen, warum ich plötzlich so ablehnend bin. Du analysierst unseren Chat und versuchst zwischen den Zeilen zu lesen. Aber eigentlich stehe ich mir nur selbst im Weg und kann Nähe schwer zulassen.
Wie du mich erreichst
Du erreichst mich am besten, wenn du mich nicht brauchst. Wenn du auch liebst und die Unsicherheit aushalten kannst, dann haben wir eine Chance. Ich weiß, dass dir das unendlich schwerfällt, gerade weil du eher ein unsicherer Bindungstyp bist. Also zumindest glaube ich das, da ich oft solche Frauen anziehe. Denn so abwegig wie es klingt, aber mit deiner unsicheren Bindung bist du genau die Richtige für mich. Trotzdem können wir nur zusammenkommen, wenn wir beide unsere gelernten Muster hinter uns lassen, sonst bleiben wir für immer in der emotionalen Achterbahn sitzen. Dann ist deine Medizin mein Gift und umgedreht.
Wenn du es schaffst, die Unsicherheit auszuhalten und mir regelmäßige, kleine Kontakte ohne Druck gibst, dann kann ich Nähe über Gewohnheit und Vertrauen aufbauen, nicht über Intensität. Und du lernst, die Zeit ohne Kontakt zu überstehen, ohne in Panik zu verfallen.
Emotionale Stabilität ist für mich wertvoller als Intensität. Ruhe, Gelassenheit und Vorhersehbarkeit sind für mich wichtig, kleine Rituale oder Kosenamen bedeuten mir viel.
Gib mir Nähe, wenn ich sie dir gebe. Aber nicht umgedreht – je weniger ich dir gebe, desto mehr gibst du mir. Das ist genau das, was mich wieder flüchten lässt. Achte immer auf die Balance, dann habe ich das Gefühl, dass ich ein wenig um dich kämpfen muss.
Am besten geht das, indem du mich auf Basis von Freiwilligkeit einbindest. Nimm die Verpflichtung raus. Beziehe mich in dein Leben ein, aber halte es aus, wenn ich ablehne. So habe ich indirekt das Gefühl, dass ich die Kontrolle behalte.
Oder gib mir kleine Aufgaben, so dass ich das Gefühl habe, etwas kontrollieren zu können.
Unsere Muster passen so gut zusammen
Dass wir es miteinander schwer haben, liegt an uns beiden. Unsere Muster passen halt so gut zusammen. Aber auch wenn es gelegentlich anders aussieht, du kannst mich nicht retten. Du kannst nur für dich entscheiden, ob du mit meiner Ambivalenz umgehen willst. Ich mache es dir nicht mit Absicht schwer, aber ab und zu halte ich einfach nicht mehr aus.
Im Endeffekt suchen wir beide das Gleiche – Sicherheit. Nur mit völlig unterschiedlichen Ansätzen. Du findest sie in der Nähe und Bestätigung, ich finde sie im Rückzug und Freiheit.
Manchmal verstehe ich auch erst, was ich verloren habe, wenn du wirklich weg bist. Wenn du tatsächlich die Entscheidungen für dich triffst. Das ist mitunter der einzige Weg, wie ich meine Angst in den Griff kriegen kann, denn wenn du es schaffst, deine Verlustangst zu besiegen, schaffe ich es bestimmt auch, meine Angst vor Nähe zu überwinden. Trotzdem ist das keine Garantie für dich, dass ich mich tatsächlich auf eine Beziehung einlassen kann.
Und manchmal erkennst du auch erst, was du bei mir suchst, wenn du den Fokus von mir weg nimmst und aufhörst, dich selbst zu verlieren, damit ich es leichter habe.
Verloren in der Herzschmerz-Hölle
Auf dich wartet ein Leben, in dem sich Liebe nicht mehr wie Überleben anfühlt. Wenn es dir endlich egal sein soll, ob er Vermeider, überfordert oder desinteressiert ist.
Ein Buch über emotionale Abhängigkeit, Unsicherheit, Hoffnung, Selbstwert und die Frage, warum Hoffnung aufgeben so schwierig und sich selbst verlieren so einfach ist.
Nicht oberflächlich.
Nicht weichgespült.
Sondern ehrlich.
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Chaos im Herzen beenden
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Über die Autorin:
Ich bin Yvonne Schrader und schreibe über Liebeskummer, Loslassen, emotionale Erschöpfung und die Muster, die uns festhalten, obwohl wir längst wissen, dass sie uns nicht guttun.
In meinen Büchern und Kursen geht es nicht darum, dich zu optimieren. Sondern zu verstehen, warum dein Kopf oft längst weiß, was richtig wäre – und dein Nervensystem trotzdem nicht mitzieht.