Warum lass ich das immer wieder mit mir machen?

Du hast dir geschworen, ihm nicht mehr zu schreiben. Und trotzdem tust du es. Du wolltest diesmal früher gehen. Stattdessen gibst du ihm noch eine Chance.

Du weißt, dass dir das alles nicht guttut.

Und trotzdem hoffst du wieder. Dennoch wartest du. Du verzeihst Dinge, die du früher niemals akzeptiert hättest. Du erklärst Verhalten. Entschuldigst ihn.

Suchst die Schuld wieder bei dir.

Und irgendwann fragst du dich:

Warum lasse ich das immer wieder mit mir machen?

Eigentlich lässt du es gar nicht „mit dir machen“. Dein Nervensystem versucht verzweifelt, eine Geschichte endlich anders enden zu lassen.

Deine Geschichte im Heute

Du machst das nicht, weil du dich selbst verletzten willst. Oder möglichst destruktiv handeln. Und auch nicht, weil du dir selbst nur Schlechtes wünschst.

Du machst einfach nur das, was du schon immer gemacht hast. Nur in einem anderen Rahmen.

Du kämpfst einen inneren Kampf zwischen dem, was dein Verstand weiß und dem, was dein Nervensystem sucht. Jeder will recht haben und wenn der Kopf gegen den Körper kämpft, gewinnt nahezu immer der Körper. Dabei verschwendest du so viel Kraft, um gegen Dinge zu kämpfen, die nicht in deiner Kontrolle liegen. Schauen wir uns an, warum du nicht aufhören kannst bzw. warum du es immer wieder mit dir machen lässt.

Du suchst den Fehler immer wieder bei dir

Er zieht sich zurück und dein erster Gedanke ist nicht „Was stimmt nicht mit ihm?“, sondern „Was habe ich falsch gemacht?“ Du gehst jede Nachricht noch einmal durch, überlegst, ob du zu viel warst oder etwas Falsches gesagt hast.

Dein Kopf weiß, dass du nicht das Problem bist, aber es fühlt sich komplett anders an. Selbst wenn du eine Liste mit seinen Verfehlungen zusammenbekommst, wirken sie unscheinbar im Gegensatz zu deinen „Vergehen“. Für jeden seiner Fehler findest du einen bei dir, der viel gewichtiger wirkt.

Warum?

Weil du als Kind gelernt hast, dass Liebe von deinem Verhalten abhängt. Sicherlich kennst du Sätze wie „du bist schuld, dass Mama gestresst ist“. Oder auch „wenn du dies oder jenes machst, hat Papa dich nicht mehr lieb“. Sicherlich werden die Sätze nicht zu Mustern, wenn man sie einmal hört. Aber wenn sie eher Regel als Ausnahme sind, speichert dein System irgendwann, dass du für die Ergebnisse oder das Verhalten der anderen verantwortlich bist. Als Kind bist du nicht so reflektiert, dass du denken kannst „was geht mich Mama’s Stress an“. Das Kind versteht „Mama geht es nicht gut und ich bin schuld.“ Das ist kein Fehler, sondern eine logische Konsequenz aus kindlicher Perspektive.

Deswegen suchst du heute noch zuerst den Fehler bei dir, wenn irgendetwas anders läuft als erwartet. Selbst wenn du objektiv 100%ig weißt, dass es nicht deine Schuld ist, kommt immer wieder die leise Stimme „Bist du dir sicher? Du hast bestimmt nur etwas übersehen. Du warst immer schuld, warum soll es diesmal anders sein?“ Und diese Stimme ist viel lauter als dein Verstand.

Du verzeihst Dinge, die du anderen niemals raten würdest

Er meldet sich tagelang nicht und kommt zurück, als wäre nichts gewesen. Obwohl du in der Zwischenzeit wütend bis zum Mond warst und dir ganz sicher bist, dass du ihm diesmal die Meinung sagst, kuckt er dich einmal an und alles ist vergessen. Du sagst dir „ach komm, so schlimm war es doch gar nicht“ oder auch „naja, vielleicht stelle ich mich wirklich zu sehr an“. Du verzeihst ihm und weißt schon genau, dass du beim nächsten Mal wieder daran zerbrichst.

Würde deine beste Freundin dir dieselbe Geschichte erzählen, würdest du ihr sofort sagen, sie soll gehen. Bei dir selbst findest du immer noch eine Erklärung für sein Verhalten.

Warum?

Weil dein Nervensystem Konflikt mit Liebesverlust verknüpft. Konflikte waren also gefährlich. Daher hast du angefangen, deine Bedürfnisse hintenan zu stellen. Bevor irgendjemand böse werden konnte, hast du dich zurückgenommen.

Menschen lieben und verletzen gleichzeitig

Du hast gelernt, dass Menschen gleichzeitig lieben und verletzen. Als Kind war dieselbe Person oft beides:

  • Trost und Schmerz.
  • Nähe und Angst.
  • Liebe und Ablehnung.

Du konntest nicht sagen:
„Mama/Papa behandelt mich schlecht, also gehe ich.“

Das ging nicht. Also blieb nur:

Ich muss trotzdem weiter lieben.

Heute passiert dasselbe.

Er verletzt dich.
Du bleibst.

Nicht weil du schwach bist, aber weil dein Gehirn gelernt hat:

Liebe und Schmerz gehören zusammen. Dazu kommt oft noch, dass niemand kommt, um dich zu beschützen. Wenn früher niemand eingegriffen hat, als Grenzen überschritten wurden, lernt ein Kind:

Ich muss damit eben leben. Es lernt nicht: „Ich darf gehen.“ Vielmehr lernt es „Ich halte es aus.“ Das Aushalten war damals eine Überlebensstrategie, weil es keine Wahl hatte. Heute verzeihst du deshalb nicht nur. Du erträgst. Und das ist ein Unterschied.

Du hast außerdem gelernt, Erklärungen über Gefühle zu stellen

Vielleicht musstest du früh verstehen bzw. hast es immer wieder eingetrichtert gekriegt: Papa war gestresst. Mama hatte eine schwere Kindheit. Eigentlich meint er oder sie es ja nicht so. Das Kind lernt dabei:

Wenn ich den anderen verstehe, tut es weniger weh.

Heute wird daraus:

Er ghostet, weil…
Er ist eben Vermeider, er kann nicht anders…
Er hatte Angst, nur darum hat er…
Er kann ja nichts dafür…

Für jedes seiner „Vergehen“ findest du eine Erklärung, die dein Verzeihen rechtfertigt. Dabei ist nicht das Verständnis ist das Problem. Aber dass Verständnis zur Rechtfertigung wird macht es dir durchaus schwierig.

Du hoffst immer wieder

Er bleibt ambivalent und trotzdem hoffst du immer weiter, dass er sich noch für dich entscheidet. Selbst wenn du „nur“ die Affäre bist und er sagt, dass er sich nicht trennt, hoffst du darauf, ihn doch noch umstimmen zu können. Wenn du immer wieder Dinge ansprichst, hoffst du, dass er sich ändert. Nicht zuletzt hoffst du, dass doch noch alles gut wird und dein Schmerz nicht für umsonst war.

Eigentlich weißt du längst, dass er dir nicht guttut. Trotzdem reicht eine Nachricht von ihm und dein ganzes Gedankenkarussell beginnt von vorn. Warum?

Weil Hoffnung früher Schutz war. Als Kind konnte Hoffnung überlebenswichtig sein.

Morgen wird Papa bestimmt anders sein. Heute war nur ein schlechter Tag. Bald wird alles gut. Die seltenen nahen Momente haben dich damals am Leben gehalten. Du hast gelernt, dass du nur lang genug durchhalten musst, dann wird es wieder gut.

Du hast dich an die Hoffnung geklammert wie ein Ertrinkender an den Rettungsring. Weil immer die Gefahr über dir schwebte, die Liebe zu verlieren. Heute übersetzt du das mit „Wenn ich die Hoffnung aufgebe, verliere ich nicht nur ihn, sondern auch die Chance, dass diesmal alles gut wird.“ Hoffnung war nicht einfach nur ein Gedanke, sie war ein Durchhaltemechanismus deines Nervensystems.

Heute heißt das:

Er schreibt: „Hey, wie geht’s dir?“

Zwei Sätze. Keine Tiefe. Kein Bezug.

Und trotzdem spürst du dieses Aufatmen. „Er hat an mich gedacht.“ Für einen Moment ist wieder alles möglich. Bis es erneut still wird. Es bleibt dieser Druck im Bauch. Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dass du dich selbst irgendwo auf der Reise verloren hast.

Die Phantasie blendet die böse Welt aus und ersetzt sie durch eine Zukunftsvision, die als Puffer gegen den jetzigen Schmerz dient. In meinem eBook gibt es ein ganzes Kapitel dazu, was du mit der Hoffnung verbindest und warum du sie nicht aufgeben kannst.

Du erklärst sein Verhalten

Er meldet sich tagelang nicht.

Du bist nicht in erster Linie wütend. Stattdessen beginnst du zu überlegen:
Vielleicht

  • hat er gerade Stress.
  • ist ihm alles zu viel.
  • hat er Bindungsangst.
  • ist er einfach nur überfordert.
  • weiß er selbst nicht, was er will.

Je mehr Erklärungen du findest, desto ruhiger wirst du. Nicht weil sich etwas geändert hat, vielmehr weil dein Gehirn das Gefühl hat, wieder Kontrolle zu bekommen.

Was du vermutlich gelernt hast

Als Kind war Verhalten oft nicht vorhersehbar. Mal war jemand liebevoll. Dann kühl. Auch mal laut. Oder tagelang emotional nicht erreichbar.  Für ein Kind ist das kaum auszuhalten. Also beginnt es, Menschen zu studieren.

„Warum ist Mama heute so?“
„Was hat Papa gerade?“
„Was muss ich jetzt tun?“

Du lernst nicht nur Menschen zu beobachten. Du lernst, sie zu entschlüsseln. Heute machst du genau das wieder.

Du analysierst Chats.
Liest zwischen den Zeilen.
Schaust Videos über Bindungstypen.
Willst verstehen, warum er so handelt.

Nicht unbedingt, weil du neugierig bist. Vielmehr geht es darum, dass sich Verständnis für dein Nervensystem wie Sicherheit anfühlt. Das Problem ist nur:

Verstehen verändert sein Verhalten nicht. Es erklärt höchstens, warum er handelt, wie er handelt. Und manchmal wird genau dieses Verständnis zur Falle. Du erklärst sein Verhalten so lange, bis deine eigenen Bedürfnisse kaum noch Platz haben.

Du analysierst mittlerweile vermutlich auf einem extrem hohen Niveau. Allerdings benutzt du dieses Wissen manchmal nicht, um dich zu schützen. Gelegentlich verwendest du es, um immer bessere Gründe zu finden, warum du bleiben solltest. Verständnis ist wertvoll. Aber es ersetzt keine Grenze.

Du willst es anderen immer recht machen

Du sagst häufiger „Ist schon okay“, obwohl es das gar nicht ist. „Alles gut“ ist zu deiner Lieblingslüge geworden, weil man nichts erklären muss. Du fragst andere, was sie essen möchten, obwohl du längst weißt, worauf du Lust hast.

Du übernimmst Aufgaben, obwohl dein Kalender längst voll ist.
Du lächelst, obwohl du müde bist.
Und wenn jemand enttäuscht von dir ist, lässt dich das oft tagelang nicht los.

Du hast das Gefühl, dass du es allen recht machen musst. Dabei geht es nicht darum, dass du keine eigene Meinung hast. Die hättest du schon irgendwie. Du sagst sie nur nicht, weil sich Ablehnung für dein Nervensystem wie Gefahr anfühlt.

Was du vermutlich gelernt hast

Als Kind hast du gespeichert, dass Zugehörigkeit sicherer ist als Eigenständigkeit. Anpassung hielt die Verbindung aufrecht. Über die Jahre hast du das immer wieder gemacht und so sehr verinnerlicht, dass du gar nicht mehr merkst, wo du aufhörst und Anpassung anfängt.

Vielleicht hast du erlebt, dass Widerspruch zu Streit führte. Dass schlechte Stimmung den ganzen Tag bestimmte. Oder dass Liebe plötzlich auf Distanz ging, wenn du unbequem wurdest.

Also hast du gelernt, dich einzufügen – nicht, weil du schwach warst. Aber dein Gehirn hat erkannt:

„Wenn ich mich anpasse, gehöre ich dazu.“

Vor allem die Jugend ist eine Zeit, wo dieses Muster häufig geprägt wird. Die Anpassung sichert die Zugehörigkeit zur Gruppe und wer nicht mitmacht, wird verstoßen. Häufig hast du auch verinnerlicht, dass dein Wert durch Einsatz gerechtfertigt sein muss. Also gibst du mehr als andere. Du glaubst, kämpfen zu müssen, um dazuzugehören. Sätze wie „das musst du dir schon verdienen“ haben sich tief eingeprägt. Manchmal waren es Mutproben, manchmal Aufgaben, die man ausführen musste. Nicht nur in der Jugend, oft auch schon weit vorher, wenn du brav sein musstest, um etwas zu dürfen oder zu bekommen.

Heute ist dieses Muster längst automatisch geworden. Du überlegst oft zuerst, was der andere braucht, bevor du überhaupt wahrnimmst, was du selbst brauchst. Du passt dich so schnell an, dass es sich gar nicht wie Anpassung anfühlt. Es fühlt sich einfach richtig an.

Genau deshalb fällt es dir oft schwer, Grenzen zu setzen. Selbst wenn du sie kennst – für dein Nervensystem wird jede Grenze zunächst als Risiko für die Beziehung bewertet.

Dabei übersiehst du etwas Entscheidendes:

Eine Beziehung, in der du nur dazugehören darfst, wenn du dich ständig verbiegst, ist keine Verbindung. Sie ist Anpassung. Wer immer nur dazugehören will, verliert irgendwann den Kontakt zu sich selbst.

Du übergehst deine Grenzen

Du hast dir fest vorgenommen, diesmal eine Grenze zu setzen. Du willst ihm sagen, dass du dieses Hin und Her nicht mehr mitmachst. Du weißt, dass du nicht immer verfügbar sein willst. Dass du nicht ewig warten möchtest. Und dass du keine halbherzigen Beziehungen mehr willst.

Du formulierst die Nachricht.
Du liest sie zehnmal.
Und am Ende löschst du sie wieder.

Oder du setzt tatsächlich eine Grenze. Doch sobald er sich zurückzieht oder enttäuscht reagiert, bekommst du Panik. Plötzlich willst du die Grenze wieder zurücknehmen. Du relativierst. Entschuldigst dich. Machst dich kleiner. Du sagst, dass es nicht so gemeint war.

Tatsächlich hast du nicht deine Meinung geändert. Aber aufgrund seiner Reaktion glaubt dein Nervensystem nun, dass diese Grenze dich gerade die Beziehung kostet.

Das gleiche gilt auch für Familien und Jobs. Abends bist du dir noch ganz sicher, dass du keine Überstunden mehr machst. Und morgens, als dein Chef fragt, ob du heute länger bleiben kannst, sagst du wie selbstverständlich „ja“.

Oder auch: Nach der letzten Familienfeier warst du dir ganz sicher, dass das dein letzter Auftritt war. Du bist dir ganz sicher, dass du das nicht länger mit dir machen lässt. Im Kopf hast du schon alle Absagen für die nächste Einladung durchgespielt. Als deine Schwiegermutter dann mit Unverständnis reagiert, knickst du doch wieder ein und denkst „Naja, eine Chance kann ich ihr ja noch geben.“

Was du vermutlich gelernt hast

Vielleicht hast du früh erlebt, dass Widerspruch Konsequenzen hatte. Dass Liebe auf Distanz ging, wenn du Nein gesagt hast. Dass schlechte Stimmung entstand, wenn du für dich eingestanden bist. Oder dass deine Bedürfnisse andere belastet haben.

Also hast du gelernt:

Meine Beziehung ist wichtiger als meine Grenze.

Das war nicht zwingend richtig, aber es hat dich damals geschützt. Heute fühlt sich deshalb nicht das Grenzen setzen gefährlich an, sondern das Grenzen aushalten.

Denn eine Grenze ist erst dann eine Grenze, wenn sie bestehen bleibt, obwohl der andere sie nicht mag.

Und genau das fühlt sich für dein Nervensystem fast wie Sterben an. Die Grenze muss nicht zwingend falsch sein, vermutlich ist sie sogar richtig und wichtig. Dein Körper verbindet sie dennoch mit Liebesverlust. Er kennt nur zwei Möglichkeiten:

„Ich passe mich an und wir bleiben verbunden.“

Oder:

„Ich bleibe bei mir und werde verlassen.“

Deshalb gibst du oft dich selbst auf, bevor du riskierst, den anderen zu verlieren. Dabei ist eine Grenze keine Strafe. Sie ist auch kein Machtspiel. Und sie ist kein Versuch, den anderen zu verändern.

Eine Grenze schützt nicht vor den Gefühlen des anderen. Sie schützt dich vor dem ständigen Verrat an dir selbst. Du setzt sie nicht, damit der andere leidet. Du setzt sie, damit du nicht immer weiter leiden musst.

Eine Grenze kostet manchmal eine Beziehung. Aber keine Grenze kostet dich irgendwann dich selbst.

Du entschuldigst dich ständig

Du entschuldigst dich, bevor überhaupt etwas passiert ist.

„Tut mir leid, dass ich störe.“
„Ich will wirklich nicht nerven.“
„Vielleicht sehe ich das auch falsch…“
„Ist eigentlich gar nicht so wichtig, aber…“

Noch bevor du dein Bedürfnis aussprichst, nimmst du ihm bereits die Schärfe. Du bist dabei nicht besonders höflich, stattdessen will dein Nervensystem verhindern, dass überhaupt ein Konflikt entsteht.

Selbst wenn du im Recht bist, erklärst du zuerst, warum dein Gegenüber bestimmt auch gute Gründe hatte.

Du entschuldigst dich für deine Tränen.
Für deine Wut.
Für deine Unsicherheit.
Manchmal sogar dafür, dass du überhaupt Bedürfnisse hast.

Du sagst nicht nur ständig direkt oder indirekt „Entschuldigung“. Du entschärfst deine Bedürfnisse, relativierst deine Gefühle und bittest beinahe um Erlaubnis, überhaupt etwas wollen zu dürfen.

Nicht selten hast du Gedanken im Kopf wie „das steht mir nicht zu“ oder „das darf ich nicht“, manchmal auch getarnt als „das macht man nicht.“

Was du wahrscheinlich gelernt hast

Vielleicht war für deine Gefühle früher wenig Platz. Eventuell hattest du das Gefühl, andere mit deinen Sorgen zu belasten. Oder du hast erlebt, dass deine Bedürfnisse sofort Diskussionen ausgelöst haben. Du hast sicherlich Sätze gehört wie „Das ist doch kein Grund zum Weinen“ oder „Du solltest dankbar sein. Anderen geht es viel schlechter“ oder „Denk mal dran, wie deine Mutter sich fühlt“.

Also hast du unbewusst begonnen, dich selbst kleiner anzukündigen.
Nicht deine Meinung zuerst. Sondern deine Entschuldigung.
Nicht dein Bedürfnis. Sondern dein schlechtes Gewissen.

Du hast gespeichert, dass bestimmte Gefühle inakzeptabel sind. Aber du könntest ja nicht aufgehört zu fühlen. Also du hast aufgehört, Gefühle zu zeigen. Mit der Zeit hast du gelernt, deine eigene Existenz ein Stück weit zu relativieren. Heute entschuldigst du dich deshalb oft nicht nur für dein Verhalten. Du entschuldigst dich bereits dafür, dass du Raum einnimmst. Oder Zeit brauchst. Dass du etwas möchtest. Mitunter sogar dafür, dass du überhaupt da bist.

Und genau das ist das Tragische.

Denn wer sich ständig für seine Bedürfnisse entschuldigt, sendet seinem eigenen Nervensystem immer wieder dieselbe Botschaft:

„Mit mir stimmt irgendetwas nicht.“

Dabei stimmt nicht mit dir etwas nicht. Du hast nur gelernt, dass andere wichtiger sind als du. Heute erlaubst du dir Dinge nicht, weil sie irgendeine Wirkung auf Dritte haben könnten. Selbst wenn diese für dich völlig egal ist. Du bleibst klein, um nirgends anzuecken oder niemanden zu überflügeln. Bloß nicht besser sein als jemand der – in deiner Wesenspyramide – scheinbar über dir steht. Du erlaubst dir vieles nicht, weil du befürchtest, dass deine Entwicklung andere verletzen, beschämen oder zurücklassen könnte. Genau deswegen macht dir deine eigene Größe solche Angst. Weil dein Nervensystem immer wieder behauptet, du würdest andere damit vor den Kopf stoßen.

Dir fehlt nicht Größe. Dir fehlt Erlaubnis. Eigene, innere Erlaubnis.

Du kannst Lob kaum aushalten

Jemand macht dir ein Kompliment zu deinem schicken Shirt und du sagst sofort „War gar nicht teuer“. Selbst Gutes kannst du kaum aushalten. Wenn sich ein Mann ehrlich um dich bemüht, denkst du sofort „ach, das hat doch nichts zu bedeuten“. Dein Chef lobt dich vor versammelter Mannschaft für ein Projekt, dass dich über Monate Schweiß, Angst und Tränen gekostet hat und du sagst Sätze wie „ach, das war doch nicht schwierig“ oder „das hätte doch jeder gekonnt“. Tief in dir weißt du, dass es nicht stimmt, aber du kannst den Gedanken nicht zulassen.

Zumindest nicht, ohne dich sofort kleiner zu machen. Du relativierst deine Erfolge, machst deine Ergebnisse kleiner als sie sind und musst zu jedem Guten etwas Schlechtes hinzufügen.

Du machst das nicht mit Absicht oder weil du denkst, immer deinen Senf dazu geben zu müssen.

Vermutlich wurde deine Leistung früher schon immer relativiert, z.B. im Vergleich mit Geschwistern oder Bekannten. Wahrscheinlich haben das deine Eltern aus Motivationsgründen gemacht oder wollten nicht, dass du überheblich wirst. Vielleicht wussten sie es auch einfach nicht besser. Angefühlt hat es sich eher wie „ich bin nicht gut genug“ oder „ich muss mehr machen“. Deine Eltern wollten dich auf ihre Art beschützen, aber beigebracht haben sie dir, dass du dir nichts zugestehen darfst.

Damit war früher Anerkennung an Leistung geknüpft. Deshalb fühlt sich Lob heute nicht selbstverständlich an, sondern irgendwie „unverdient“. Dein Nervensystem sucht sofort nach dem Haken.

Vermutlich glaubst du deshalb bis heute, dass du Liebe erst verdienen musst. Ein Mann, der sich ehrlich um dich bemüht, fühlt sich für dein Nervensystem oft ungewohnt an. Es sucht automatisch nach der Bedingung. „Was will er wirklich?“ „Wann zieht er sich wieder zurück?“ oder „Das kann doch nicht ernst gemeint sein.“ Das Problem ist: Wer Liebe nicht annehmen kann, versucht oft unbewusst, sie sich wieder zu erarbeiten. Genau deshalb fühlst du dich häufig zu Männern hingezogen, bei denen du kämpfen musst. Dort kennst du die Spielregeln.

Du wartest dein ganzes Leben darauf, endlich gut genug zu sein. Und jedes Mal, wenn dir jemand genau das sagt, glaubst du ihm nicht.

Deine Gutmütigkeit steht dir im Weg

Sicherlich hast du dich an mehr als einer Stelle wiedererkannt. Alles in allem hast du  gelernt, dass Aufgeben etwas Schlechtes ist. Als Kind wurden Eigenschaften wie Durchhalten, Loyalität und Verzeihen gelobt. Du hast verinnerlicht:

Gute Menschen geben andere nicht auf.

Heute gibst du deshalb Beziehungen Chancen, die längst keine mehr verdienen. Du verzeihst einmal zu viel. Du bist nicht naiv. Aufgeben erscheint dir jedoch wie Verrat.

Dazu kommt, du identifizierst dich unglaublich stark über deine Fähigkeit, Menschen nicht aufzugeben. Das ist fast ein Wert. Du bist stolz darauf.

Ich kämpfe.
Ich halte durch.
Ich sehe das Gute.
Ich gebe Menschen Chancen.

Deshalb fühlen sich Grenzen setzen, widersprechen, seine Bedürfnisse durchsetzen etc. moralisch falsch an. Daher lässt du immer wieder Dinge mit dir machen, die du eigentlich nicht willst. Nicht unbedingt, weil du ihn liebst, sondern weil du dich selbst als Mensch, deine Identität, verlieren würdest.

Aber warum mache ich das immer wieder?

Vielleicht fragst du dich inzwischen, warum du all das tust, obwohl du längst weißt, dass es dir schadet.

Genau hier kommt die Psychologie ins Spiel.

Zwischen deinem Verstand und deinem Verhalten klafft gerade eine Lücke. In der Psychologie nennt man das kognitive Dissonanz. Du weißt, dass du gehen solltest. Und dass du zu großzügig im Aushalten bist. Und du weißt auch theoretisch, dass Warten nichts verändert. Trotzdem machst du weiter. Nicht, weil du schwach bist, sondern weil dein Nervensystem noch nach alten Regeln spielt.

Das, was du in jungen Jahren gelernt hast, hat dein Überleben gesichert. Du hast damals deine besten Werkzeuge, aber auch deine größten Hindernisse geschaffen. Dein Verstand hat längst begriffen, was falsch läuft. Du kannst die Muster erklären, Prinzipien beleuchten und bei anderen fällt es dir leicht, die Hebel zum Ändern zu benennen. Aber du selbst kannst nichts ändern, weil bei dir nicht der Verstand am Steuer sitzt, sondern das Nervensystem die Oberhand hat. Und das ist noch auf Überleben programmiert. Du verbiegst dich immer wieder, um geliebt zu werden, denn für dein System ist dein Überleben wichtiger als dein Selbst.

Dazu kommt noch, dass dein Nervensystem nicht zwischen früher und heute unterscheiden kann. Es weiß nicht, ob du ihm verzeihst, dass er tagelang nicht geantwortet hat oder ob du deiner Mutter vergibst, dass sie dich zu spät vom Kindergarten abgeholt hat.

Wenn du immer wieder anders handelst als es dein Verstand sagt, dann trifft die Situation etwas, was tiefer sitzt als Logik. Deswegen kannst du dich auch nicht herausdenken. Und ganz oft helfen deswegen deine Affirmationen nicht. Dein Problem sitzt nicht im Kopf.

Neue Erfahrungen machen

Wenn du weiter wegschaust, bezahlst du einen stillen Preis: den nächsten Mann oder der nächste Job, bei dem du dich wieder verlierst. Doch der Weg führt nicht darüber, dass du auf einmal alles anders machst. Das würde dein System erst recht nicht aushalten.

Der Weg führt über Bewusstsein und neue Erfahrungen. Erst, wenn du lernst, was dich im Detail wie handeln lässt, kannst du anfangen, Dinge zu ändern. Aber im Kleinen, nicht mit einer Hau-Ruck-Aktion. Du musst weder mit ihm Schluss machen noch deinen Job kündigen noch deine Schwiegermutter des Feldes verweisen. Aber wenn du immer wieder Dinge machst oder mit dir machen lässt, die dir eigentlich weh tun, könnte es an der Zeit sein, dein Konzept von Liebe nochmal zu überarbeiten. Denn manchmal ist Herzschmerz so viel mehr als Liebeskummer. Manchmal ist er die Wiederholung einer Geschichte, die nie wirklich beendet wurde.

Wie du deine Muster aufdeckst und welche kleinen Schritte dir helfen, die innere Unsicherheit auszuhalten, zeige ich dir in meinem eBook. Dort lernst du nicht nur, warum Verlustangst dein schlimmster Gegner ist, sondern auch, wie du sie in den Griff kriegst. Ich zeige dir, wie du Grenzen setzt ohne zu sterben und wie du aufhörst, ihm hinterherzulaufen, selbst wenn das im Moment noch normal ist.

Besonders interessant ist für dich wahrscheinlich das Kapitel „Entzug, Ersatz und Neuprogrammierung“ (Inhaltsverzeichnis).

Du musst nicht erst vollständig heilen, um Dinge anders zu machen. Aber du darfst anerkennen, dass Heilung ein Prozess ist, der damit beginnt, nicht länger vor dir wegzulaufen.

Verloren in der Herzschmerz-Hölle

Auf dich wartet ein Leben, in dem sich Liebe nicht mehr wie Überleben anfühlt. Wenn es dir endlich egal sein soll, ob er Vermeider, überfordert oder desinteressiert ist.

Ein Buch über emotionale Abhängigkeit, Unsicherheit, Hoffnung, Selbstwert und die Frage, warum Hoffnung aufgeben so schwierig und sich selbst verlieren so einfach ist.

Nicht oberflächlich.
Nicht weichgespült.
Sondern ehrlich.

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Chaos im Herzen beenden

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Über die Autorin:

Ich bin Yvonne Schrader und schreibe über Liebeskummer, Loslassen, emotionale Erschöpfung und die Muster, die uns festhalten, obwohl wir längst wissen, dass sie uns nicht guttun.

In meinen Büchern und Kursen geht es nicht darum, dich zu optimieren. Sondern zu verstehen, warum dein Kopf oft längst weiß, was richtig wäre – und dein Nervensystem trotzdem nicht mitzieht.

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