Unsicherheit

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Unsicherheit entsteht, wenn wir nicht zuverlässig einschätzen können, was passieren wird, wie wir eine Situation bewerten sollen oder welche Entscheidung die richtige ist. Sie versetzt uns in erhöhte Aufmerksamkeit: Wir beobachten, prüfen, vergleichen und versuchen, Hinweise zu finden, die uns wieder Orientierung geben.

Das hatte und hat eine wichtige Funktion. Wer Unsicherheit wahrnimmt, kann sich auf mögliche Gefahren vorbereiten.

Schwierig wird es, wenn unser Leben nicht mehr tatsächlich unsicher ist, wir aber trotzdem permanent versuchen, jede Unsicherheit zu beseitigen.

Warum fühlt sich Unsicherheit so unangenehm an?

Unser Kopf mag Vorhersagbarkeit.

Wenn wir wissen, was passiert, können wir uns darauf einstellen. Wenn wir es nicht wissen, bleiben mehrere Möglichkeiten gleichzeitig offen – und darunter können auch solche sein, die wir unbedingt vermeiden möchten.

Deshalb beschäftigt uns häufig nicht nur das, was tatsächlich passiert.

Uns beschäftigt vor allem das, was passieren könnte.

Was, wenn er sich nie wieder meldet? Was, wenn ich gehe und es bereue? Was, wenn ich bleibe und noch unglücklicher werde? Was, wenn ich kündige und keinen besseren Job finde? Was, wenn ich etwas verändere und danach alles noch schwieriger wird?

Unsicherheit hält Möglichkeiten offen. Und genau das kann anstrengend sein.

Warum hat uns Unsicherheit geschützt?

Unsicherheit wahrzunehmen ist grundsätzlich sinnvoll.

Wenn eine Situation nicht eindeutig ist, werden wir aufmerksamer. Wir sammeln Informationen, prüfen unsere Umgebung und überlegen, wie wir reagieren könnten.

Das kann uns davor schützen, Risiken zu übersehen.

Doch dieselbe Fähigkeit kann heute zum Problem werden, wenn sie auf Situationen trifft, in denen es keine vollständige Gewissheit geben kann.

Dann suchen wir weiter, obwohl längst keine entscheidende Information mehr fehlt.

Wir versuchen nicht mehr herauszufinden, was wir wissen können.

Wir versuchen herauszufinden, wie wir uns endlich sicher fühlen können.

Was macht Unsicherheit mit Beziehungen?

Gerade in Beziehungen kann Unsicherheit enorme Aufmerksamkeit binden.

Wenn ein Mensch mal Nähe sucht und sich dann wieder zurückzieht, wenn Aussagen und Verhalten nicht zusammenpassen oder wenn eine Beziehung keine klare Richtung bekommt, beginnt häufig die Suche nach Bedeutung.

Warum schreibt er weniger? Was hat dieser Satz bedeutet? Will er mich oder nicht? Soll ich warten? Soll ich ihm schreiben?

Jedes neue Signal kann kurzfristig beruhigen – bis das nächste widersprüchliche Signal auftaucht.

So können Gedankenkarussell, Hoffnung und das Bedürfnis nach Kontrolle immer stärker werden.

Nicht unbedingt, weil du die Antwort noch nicht gefunden hast.

Sondern weil du versuchst, aus einer unsicheren Situation eine sichere zu machen.

Was hat Unsicherheit mit emotionaler Erschöpfung zu tun?

Unsicherheit kann auch außerhalb von Beziehungen viel Kraft binden.

Wenn du über längere Zeit nicht weißt, wie es weitergeht, ständig verschiedene Möglichkeiten durchspielst oder versuchst, auf jede Eventualität vorbereitet zu sein, bleibt innerlich wenig Ruhe.

Vielleicht funktionierst du weiterhin. Du gehst arbeiten, kümmerst dich um andere und erledigst, was erledigt werden muss.

Aber ein Teil deiner Aufmerksamkeit bleibt ständig beschäftigt:

Was kommt als Nächstes? Was muss ich noch bedenken? Was darf ich nicht übersehen?

Nicht nur das, was passiert, kann erschöpfen. Auch das permanente Vorbereitetsein auf das, was passieren könnte.

Warum macht Unsicherheit Entscheidungen so schwer?

Weil eine Entscheidung meistens eine Möglichkeit schließt und eine andere öffnet – ohne dass wir vorher wissen können, wie diese Zukunft tatsächlich aussehen wird.

Deshalb versuchen wir manchmal, erst sicher zu werden und dann zu entscheiden.

Wir denken länger nach. Holen noch eine Meinung ein. Warten noch ein paar Wochen. Beobachten noch einmal, was passiert.

Doch irgendwann entsteht ein Widerspruch:

Wir warten auf Sicherheit, die erst entstehen könnte, nachdem wir gehandelt haben.

Dann kann Nichtentscheiden zu einer Möglichkeit werden, die Unsicherheit kurzfristig nicht noch größer werden zu lassen.

Langfristig bleiben wir dadurch allerdings genau in der Situation, die uns unsicher macht.

Muss ich Unsicherheit loswerden?

Nicht vollständig.

Ein gewisses Maß an Unsicherheit gehört zu Beziehungen, Veränderungen und Entscheidungen dazu.

Die entscheidende Fähigkeit besteht deshalb nicht unbedingt darin, jede Unsicherheit zu beseitigen.

Sondern darin, sie zunehmend aushalten zu können, ohne dass sie dein gesamtes Verhalten bestimmt.

Genau hier wird innere Sicherheit wichtig.

Du musst nicht wissen:

„Was wird passieren?“

Du brauchst zunehmend die Erfahrung:

„Was auch passiert – ich kann darauf reagieren.“

Unsicherheit – kurz erklärt

Unsicherheit entsteht, wenn wir nicht wissen, was passieren wird oder wie wir eine Situation einschätzen sollen. Die erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Unsicherheit kann eine wichtige Schutzfunktion haben. Problematisch kann sie werden, wenn wir versuchen, auch dort vollständige Gewissheit herzustellen, wo sie nicht möglich ist. Dann können Grübeln, Kontrolle, Nichtentscheiden und permanentes inneres Wachsein entstehen – und auf Dauer auch zur emotionalen Erschöpfung beitragen.

-> Lies hier weiter: Warum Kontrolle keine Sicherheit erzeugt

Verwandte Begriffe:

Sicherheit · Innere Sicherheit · Kontrolle · Gedankenkarussell · Emotionale Erschöpfung · Magisches Dreieck · Intermittierende Verstärkung · Herzgefühl

 

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